Juli - Die Brücke
- Monatsspiegel

- vor 8 Stunden
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Die Brücke im Hochsommer
„We shall overcome, we shall overcome, we shall overcome some day ...“, summt Leonie leise vor sich hin. Sie und alle anderen sitzen am Ufer nahe der kleinen Brücke bei der Dreschhalle im hohen Sommergras und genießen den frischen Wind,. Der lässt gerade nach diesem superheißen Tag die Büsche und Bäume im Abendlicht tanzen. „Kannst du mal dieses blöde Oma-Lied lassen, mir ist schon ganz schlecht im Kopf davon“ ,raunzt Louis, der sich gerade eine Büchse Mezzo aufgemacht hat. „Lass sie doch“, meint Tim, “es ist doch ein Körnchen Wahrheit drin! Wir haben doch alle gerade diese mega anstrengenden Prüfungen ÜBERWUNDEN! Ich auf alle Fälle bin so froh, dass das mit der Schule erstmal vorbei ist. “Leonie und die anderen haben tatsächlich eine anstrengende Zeit hinter sich. Die Realschulprüfungen haben alle gut geschafft, das hatten sie gehofft. In den letzten Wochenhatten sie sich nämlich ganz oft nach der Schule getroffen, um gemeinsam zu lernen. Denn keiner von ihnen sollte das Jahr noch einmal wiederholen müssen. Jetzt können sie eigentlich feiern, und das tun sie auch und treffen sich jeden Abend hier und meistens denken sie dann auch über das Leben nach, das so auf sie zukommt. Anna, Lea, Hannah und Niklas wechseln ins Gymnasium, Lukas und Leon fangen eine Zimmermannsausbildung im selben Betrieb an, Tim weiß noch nicht so ganz, ob er beim Landesrechnungshof angenommen wird, Leonie ist festentschlossen, Maskenbildnerin zu werden und Louis freut sich auf die duale Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Dann wird es wahrscheinlich nicht mehr so einfach sein, sich nacheinem Hitzetag abends an der Alb zu treffen. Deshalb müssen sie das jetzt so richtig auskosten. „Hey, die sind aber ganz schön laut!“, meint Lukas auf einmal. “Wen meinst du?“, fragt Leah schläfrig. “Die Grillen?“ „Naja, die auch, aber die sind ja Natur! Neee, die blöden Güterzüge mein ich!“ „Ach, die! Ja. Genau, heute Nacht bin ich von deren Lärm noch vor Sonnenaufgang aufgeweckt worden, es hat ganz schön gescheppert! “Die anderen nicken, denn das kennen alle. Wenn der Wind so von Nordwesten kommt, poltert und scheppert es auch in ihren Wohnungen. Irgendwie haben sie sich ja dran gewöhnt als echte Rüppurrer.„Aber“, meint Leon, als hätten alle den gleichen Gedanken im Kopf, „was ist, wenn das noch vielmehr jede Nacht werden? Ich habe gehört, bis zu 400 Güterzüge sollen ab 2030 hier und meistens in der Nacht rollen ...““Mach dir nix draus“, sagt Hannah, „du bist dann bestimmt schon in Berlin!“
Die Grillen zirpen und manche Amsel singt nun noch ein spätes Abendlied. „Was transportieren die eigentlich?“, fragt Leonie und setzt sich auf. “Bomben!“, platzt Tim heraus, der es immer erstmal ganz groß haben will. „Ne, das wahrscheinlich nicht“, sagt Lukas, „aber wahrscheinlich neben all den Klamotten, die am Schluss dann doch keiner haben will und die dann in der Wüste gelagert werden, wahrscheinlich auch Bauteile für alles möglichen elektronischen Geräte.“ „Auch Waffen?“, will Leonie wissen. „Höchstwahrscheinlich. Man weiß eben nicht so genau, was da alles transportiert wird. Auf alle Fälle geht’s um viele Sachen, die in Fabriken in China hergestellt worden sind, und nun nachdem Entladen der Container im Seehafen von Genua auf dem Landweg rasch bis nach Rotterdam gebracht werden sollen“, erklärt Lukas. Lukas hat in Geographie und Politik eine Eins. Er muss das wissen, denken alle und finden es schon mächtig komisch, dass das alles hier vor ihrer Nase vorbeirollt. „Kann man damit nicht aufhören?“, fragt Anna in die Stille. „Naja, vielleicht so ein bisschen. Ich kenne einen, dessen Vater ist in der neuen Bürgerinitiativegegen die geplante Gütertrasse durch Karlsruhe. Da könnte man mitmachen. Dann gibt’s vielleicht einen Tunnel unter der ganzen Stadt durch!“, wirft Tim ein. „Und was ist dann mit der komischen Brücke über den Bahnübergang?“, fragt Leah. „Die will doch hier keiner wirklich!“ „Die würde dann nicht gebraucht werden“, stellt Leon fest. Der Wind fährt erneut mit Kraftdurch die Äste und Zweige am Ufer. Herrlich, diese Frische, die die schwere Schwüle der Julitageaufbricht.„Oooooh, wie gut das tut!“, seufzt Anna. „Wenigstens heute Nacht können wir gut schlafen!“ „Ja, vielleicht“, murmelt Leon. „Wie lange das noch so sein wird bevor alles irgendwie sich nicht mehr gut anfühlen wird?“, fällt Leah ein.„ Lass mal gut sein“, tröstet Lukas nach einer Weile. „Jetzt fängt bei uns ein neues Leben an, und wir werden mitbestimmen, wie sich unsere Zukunft entwickelt. Wir fangen morgen gleich schon damit an. Geht jemand von euch mit zu unseren Gemeinderätinnen?“ „Na klar, wir alle und das schon morgen bevor die Sommerpause in der Stadt losgeht!“, rufen Anna und Louis wie aus einem Munde. „Ach, wie gut es ist, solche Freunde zu haben. Und so eine Alb und so eine Sommerfrische und einen guten Schulabschluss“, meint Leonie und fängt dann wieder an „We shall overcome“ zusummen.
PS: Laut Städtische Website befindet sich das Projekt Brücke nach wie vor nicht in der Phase des Planfeststellungsverfahrens. Was da so alles zusammen zutragen ist, damit das Regierungspräsidium in die Überprüfung gehen kann.
Dagmar Heidingsfelder-Rammer(In der Initiative zur Unterstützung des Biolandhofes Schleinkofer)
Vielen Dank für diesen Beitrag
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