April - Die Brücke
- Monatsspiegel

- vor 3 Tagen
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“Ach liebste Lisa, wärst du so nett und würdest mir den Bademantel ins Bad bringen?
Habs vergessen und steh schon pitschnass unter der Dusche!”
Lukas massiert sein rechtes Schienbein gründlich. Heute war er zum ersten Mal wieder joggen.
Es lief ganz gut, obwohl die OP am Kniegelenk erst 3 Monate her ist. Er hatte sich aber auch sowas von darauf gefreut wieder über die alte Steinbücke, über die Alb, an der Dreschhalle vorbei, entlang der landwirtschaftlich genutzten Flächen bis zur Abzweigung zum Friedhof zu laufen und seine große Runde entlang der Bahn bis rüber zum Waldrand jenseits des Bahnübergang machen zu können. Seit einiger Zeit fährt er auf den Rad auch wieder zu seiner Arbeit ins Finanzamt in der Oststadt. Beides hatte ihm schon ganz schön gefehlt. Genau an dem Tag, an dem er aus dem Krankenurlaub zurück war, schlug bei seinem Team wie eine Bombe die Nachricht ein, dass die EnBW 50 Millionen voraus bezahlte Steuern von der Stadt Karlsruhe zurück haben will. 50 Millionen! Woher die bloß nehmen?!?“
Supersportler, hier bitte schön!” Lisa steht in der Tür und hält ihm den Bademantel hin.“ Hast du sie gesehen?”, fragt sie ganz gespannt. “Wen?” Lukas blickt gerade nicht durch. “Ach, Schnuppelchen! Ich mein doch die neuen Betonpfeiler. Sehen sie nicht unglaublich aus?”, erklärt sie ganz begeistert. Lisa ist nämlich überzeugte Tiefbauingenieurin und schwärmt von Beton, egal wo er zum Einsatz kommt. Le Corbusier ist ihr großes Idol.“Ja, hab ich.”, sagt Lukas und runzelt die Stirn. “Naja, gefallen tun sie mir gerade nicht. Aber du weißt bestimmt, was aus denen mal werden soll!” Lisa wird ganz ernst. ”Ja, die sind für die Brücke!” “Was?”
Lukas Stimme überschlägt sich fast. “Die haben schon angefangen die Brücke zubauen? Das ist ja ein Ding! Das Planfeststellungsverfahren ist noch nicht mal angelaufen! ”Lukas ist sowas von empört. Da fehlt der Stadtkasse hinten und vorne das Geld und jetzt werden hier in den Rüppurrer Wiesen Fakten geschaffen. Dabei ist noch immer nicht geklärt, wo jährlich die 500 000 Euro für die Instandhaltung dieses überflüssigen Teils herkommen sollen. “Und du findest die jetzt auch noch gut!”, raunzt er Lisa an.“ Ja, ich finde die Pfeiler gut gemacht. Das heißt aber nicht, dass ich die Brücke gut finde. Denn Beton für ein so großes Bauwerk, so fasziniert ich immer wieder von ihm bin, setzt enorm viele Tonnen von CO2 frei. Eine Brücke hier als Bahnübergang wäre die absolute Verschwendung an freigesetztem CO2 von dem, was wir gerade noch so freisetzen dürfen, das weiß ich genau!” Dann muss sie schmunzeln. Ihr fällt nämlich ein, was das für eingeschickter Aprilscherz gewesen wäre, hätte sie ihre Frage an Lukas nur anders gestellt. Ja, schade! Aber morgen wird sie wieder im Tiefbauamt anrufen und fragen, wieweit die Ausarbeitung der Vorzugsvariante B02 gediehen ist. Schließlich will sie nicht den
Zeitpunkt verpassen, wo sie ihre Einwände gegen diesen Brückenbau bei der Stadtverwaltung abgeben muss. Lukas atmet erleichtert auf. Und plötzlich ist er richtig stolz, dass seine Frau eine so engagierte und differenziert denkende Ingenieurin ist. Auch ohne geglückten Aprilscherz!
Dagmar Heidingsfelder-Rammer in der Initiative zur Unterstützung des Biolandhofes Schleinkofer
PS: Bei Redaktionsschluss befand sich das Projekt weiterhin in der Ausarbeitung der Vorzugsvariante
Vielen Dank für diesen Beitrag
Ihr Monatsspiegel-Team


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