Leserbeitrag:
- Monatsspiegel

- vor 2 Tagen
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20.000 km pro Jahr mit dem Elektroauto
ich wohne in Rüppurr und fahre seit zwei Jahren und über 40.000 km ein „nicht-deutsches“ aber europäisches Elektroauto mit einer WLTP-Reichweite von 560 km. Ich bin mit dem Fahrzeug sehr zufrieden, es gab bislang keinerlei technische Probleme. Obwohl ich keine eigene Wallbox habe und öffentliche Ladesäulen nutzen muss, überwiegen für mich die Vorteile des Elektroautos deutlich gegenüber den Nachteilen.

Folgende Erfahrungen habe ich gemacht:
PRO:
Sieht man von Roll- und Windgeräuschen ab, fährt das Fahrzeug nahezu geräuschlos, seidenweich und mit einer wunderbaren Dynamik, d.h. Drehmoment ist da, wenn man es zum Einfädeln oder Überholen braucht.
Das Fahrzeug produziert keine Abgase. Wer einmal nach einem Konzert in der Tiefgarage des Bad. Staatstheaters in der Schlange der Ausfahrenden steht und sieht was, die „kalten“ Verbrenner in die Luft bzw. in die Tiefgarage blasen, der kann nur den Kopf schütteln.
Mein Fahrzeug braucht im Sommer 18 kWh/100 km und im Winter 20-22 kWh/100 km. Obwohl ich weder Photovoltaik auf dem Dach habe, noch die Möglichkeit, mit einer Wallboxdirekt am Haus zu laden fahre ich mit meinem Vertrag beim lokalen Ladesäulenbetreiber für 0,39 €/kWh etwa 8 Monate im Jahr billiger als mit meinem vorherigen Diesel. Im Winterfahre ich etwas teurer, dafür zahle ich keine Kfz-Steuer. Wer eine Wallbox zuhause hat, der lädt noch billiger mit dem Hausstromtarif und hat jeden Morgen ein geladenes Auto. Oder wenn möglich, tagsüber mit dem selbst produzierten Solarstrom.
Das Auto braucht kein Öl, keine Zündkerzen, keinen Keilriemen, keine Kühlerflüssigkeit, nahezu keine Bremsbeläge. „One Pedal Drive“ ist eine starke Motorbremse, das Auto hält ohne zu bremsen von alleine in kurzer Strecke an, wenn man rechtzeitig vom Gas geht. Das lernt man schnell!
Ich akzeptiere, dass das Auto bei hoher Geschwindigkeit deutlich mehr Strom verbraucht und reise auf der Autobahn entspannt mit Abstands-Tempomat bei 120 km/h. Wer Stress hat und lange Strecken schnell fahren muss, für den mag das nicht passen, aber wenn ich auf 250km eine halbe Stunde länger brauche, dann ist mir das egal. Mein Unfallrisiko und mein Fahrstress sind insgesamt niedriger.
Ich hatte bislang auch bei längeren Fahrten innerhalb Deutschland, Holland, Frankreich, Österreich noch nie ein Ladeproblem. Auf Autobahnen gibt es genügend Schnellladesäulen. Italien scheint allerdings etwas schwierig, hörte ich! Das Auto selbst und diverse Apps finden immer eine Säule. Wer lediglich 1x im Jahr im Urlaub 1.000 km ans Mittelmeer fährt, der leiht sich für die Zeit eben einen preiswerten Mietwagen.
CONTRA:
Klar, die Ladezeiten sind nicht vergleichbar mit den Tankzeiten beim Verbrenner. Ich lade an den Schnellladesäulen im Dammerstock oder am Hbf Karlsruhe innerhalb von ca. 40 min. von 20 % auf 80 %. In der Zeit erledige ich im Auto meine Korrespondenz per iPad. Ob ich das zuhause auf dem Sofa oder im Auto mache ist für mich kein Unterschied.
Ärgerlich ist allerdings, wenn die 400 kW-Säulen nur 60 kW liefern, das ist speziell im Dezember mehrfach der Fall gewesen. Ich vermute bei insgesamt hohen Stromverbräuchen im Netz (Weihnachtsbeleuchtungen!) werden die Boxen gedrosselt. Wenn man es da eilig hat und von einer langen Ladedauer überrascht wird, ist das ärgerlich!
Ärgerlich ist ebenfalls die Intransparenz über die Kosten an den „fremden“ Stromsäulen. Der Gesetzgeber müsste regeln, dass wie bei der Tanksäule der aktuell zu zahlende Strompreis transparent angezeigt wird. Dazu kommt und noch ärgerlicher ist insbesondere, dass an Autobahnen manche Stromanbieter hemmungslos 0,79 €/kWh nehmen und das dürfen. Das ist Wucher und gehört verboten.
Stelle nie das Auto in einer Tieftemperaturnacht mit nur 20 km Restreichweite vors Haus in der Absicht am nächsten Tag zur 3 km entfernten Schnelladesäule zu fahren. Die Batteriebeheizt sich selbst und es kann passieren, dass Du morgens nur noch eine Reichweite von 4km hast. Da gibt es Schweiß unter den Achseln und auf der Stirn.
Ärgerlich sind grundsätzlich die europaweit höchsten Strompreise in Deutschland. Wäre der Strom 10 Cent billiger, dann würden der Umstieg auf die Elektromobilität und die Wärmepumpen von alleine und mit Begeisterung laufen. Die Anschaffung von Elektroautos mit Prämien zu fördern, halte ich für unklug, denn damit subventionieren wir auch chinesische Hersteller, die massiv auf den europäischen Markt drängen.
FAZIT:
Es funktioniert! Auch wenn man nicht zuhause laden kann und das öffentliche Ladenetzbenutzen muss. Mit der Verbrennung von Benzin und Diesel die Luft zu verpesten ist genauso vorbei wie der Kohleofen von Oma und die Pferdekutsche. Mit etwas Good Will, Toleranz und Gelassenheit freundet man sich sehr schnell mit dem Elektroauto an!
Jürgen Miller
Vielen Dank für diesen Leserbeitrag
Ihr Monatsspiegel-Team



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